Wie identifiziert und analysiert man Obsoleszenzen im urbanen Umfeld und ihre Wirkung auf Flächen? Und wie lassen sich daraus Ansätze für nachhaltige Transformationen ableiten? Dafür werden anerkannte wissenschaftliche Methoden analysiert und adaptiert, um so einen spezifischen Werkzeugkasten für den Umgang mit Obsoleszenzen aufzubauen.

Welche aktuellen Megatrends beeinflussen die Entwicklung von Stadträumen und Gebäuden? Trends – unter anderem in Form von Mode-, Branchen-, Umfeldtrends – sind in unserem täglichen Leben verankert. Fristigkeit und Wirkungstiefen von Trends sind begrenzt. Megatrends dagegen bestehen über mehrere Jahrzehnte, beeinflussen alle gesellschaftlichen Bereiche, sind global auftretende Phänomene, verlaufen dynamisch und können sich gegenseitig verstärken. (Horx 2014) Das Schaubild zeigt, dass die Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende sowie der Religiositätswandel nicht isoliert sind, sondern von den Entwicklungen anderer Megatrends beeinflusst und verstärkt werden.

Grafik
Nicolas Beucker, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Quelle
Horx, M. (2014): Das Megatrend Prinzip – Wie die Welt von morgen entsteht, München

Welche spezifischen Flächen- und Bautypologien werden obsolet? Durch gesellschaftliche Veränderungen und Megatrends können Gebäude und Stadträume ihre Nutzung verlieren. In der jüngeren Vergangenheit konnte dies u.a. bei Hafen-, Bahn- oder Militärflächen beobachtet werden. Digitalisierung, Verkehrswende und Religiositätswandel sind Megatrends, die heute Flächen in den Kategorien Handel, Arbeit, Mobilität und Religiosität beeinflussen. Das Forschungsprojekt benennt spezifische Flächen- und Bautypologien, die diesen vier Kategorien entsprechen. Die Typen sind in einer Matrix dargestellt, die auch zeigt, an welchen Orten in der Stadt ihr Leerstand wahrscheinlich ist.

Grafik
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Wo in der Stadt liegen die Flächen- und Bautypologien, die ein besonders hohes Risiko haben, obsolet zu werden? Anhand dieses Stadtschemas ist ein grober Überblick möglich. Die verschiedenen Typen, die von den Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende sowie Religiositätswandel beeinflusst werden, lassen sich klar innerhalb der urbanen Agglomeration verorten. Die Lage ist entscheidend, denn das Obsoleszenz-Risiko einer städtischen Funktion ist nicht an jeder Stelle gleich hoch. Im Projekt dient dieses Schema als modellhafte Grundlage für die Identifikation und Analyse des Obsoleszenz-Risikos der Flächen in den Case-Study-Städten Hamburg und Hannover.

Grafik
Stefan Rettich

Anhand eines Szenarien-Diagramms wird der Handlungsbedarf für obsolete Flächen bzw. Flächenkategorien untersucht. Die horizontale Achse bildet die Nutzung des untersuchten Objekts oder dessen Obsoleszenz-Risiko ab. Über die vertikale Achse wird die Polarität von Wertschöpfung bzw. Schadschöpfung abgebildet. Die vier möglichen Szenarien zeigen die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Wirkung auf die jeweilige Fläche bzw. Flächenkategorie.

In dem Szenario der „Brache“ (unten rechts), das einer Überlagerung von Obsoleszenz und Schadschöpfung entspricht, wird deutlich, wie wichtig Alternativen sind, die unter den Bedingungen der Obsoleszenz ein Szenario mit Wertschöpfung entwickeln können (oben rechts). Welche Voraussetzungen für dieses Szenario erforderlich sind, ist daher der Kerngegenstand des Forschungsvorhabens. Das Szenarien-Instrument wurde zunächst auf die Typologie des Gewerbe- bzw. Industriebaus angewendet, kann aber auch auf andere von Obsoleszenz bedrohte Gebäudetypologien angewendet werden.

Grafik
Constantin Alexander, Nicolas Beucker, Stefan Rettich

Mehr-Ebenen-Perspektive

Welche Faktoren begünstigen den Wandel des Handels und welche Stadträume und Gebäude sind davon betroffen? Die Mehr-Ebenen-Perspektive (MLP) unterscheidet nach Megatrends (Landscape Ebene), Stakeholdern (Regime-Ebene) und Innovationen (Nischen-Ebene). Sie zeigt wie diese in Wechselwirkung zueinanderstehen und wie sich dadurch Transformationen entwickeln können.

Die Globalisierung der Märkte und die Individualisierung der Konsumenten setzen den stationären Einzelhandel – vor allem in den Innenstädten – unter Druck. Insbesondere Plattformökonomien im Zuge fortschreitender Digitalisierung wirken hier disruptiv. Die Krise des Einzelhandels öffnet jedoch gleichzeitig ein Fenster der Gelegenheit. Obsolet gewordene Typologien geben Raum für innovative Stadtentwicklungskonzepte und nutzungsdurchmischte, resilientere Innenstädte.

Grafik
Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Stadträume und Gebäude, die ausschließlich auf die Nutzung des Motorisierten Individual Verkehr (MIV) ausgelegt sind, werden in wachsenden Großstädten perspektivisch obsolet. Begünstigt durch eine Vielzahl miteinander eng verwobener Megatrends (Urbanisierung und Klimawandel, Verkehrs- und Energiewende sowie Digitalisierung) entsteht aus der Nische heraus eine wachsende, neue Mobilitätskultur aktiver, kollektiver, geteilter und klimafreundlicher Mobilitätsformen. Neben diesen wirken auch neue, restriktive politische Vorgaben disruptiv auf autodominierte Stadträume ein – wie z.B. Feinstaub-Grenzwerte. Das Schaubild der Mehr-Ebenen-Perspektive veranschaulicht, wie Disruptionen ein Fenster der Gelegenheit öffnen und damit Potenzialräume für eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Stadt entstehen.

Grafik
Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Der Demografische Wandel sowie pluralistische Lebensformen (Individualisierung) führen zu stetig sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Gerade jüngere Generationen üben vielfältige Formen der Spiritualität aus. Ein Abwenden von der traditionellen Institution Kirche sowie das steigende Interesse an alternativen Bestattungsformen sind die Folge. Leerstand kirchlicher Gebäudetypologien sowie ein sinkender Auslastungsgrad der Friedhöfe eröffnen ein Fenster der Gelegenheit. Obsolete Stadträume und Typologien können folglich nach gemeinwohlorientierten Prinzipien transformiert werden.

Grafik
Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Gemeinwohlkompass für die Transformation obsoleter urbaner Strukturen

Was genau ist gemeint, wenn man von einer „gemeinwohlorientierten“ Transformation obsoleter urbaner Strukturen spricht? Der Begriff des Gemeinwohls wird aktuell breit diskutiert und im Rahmen der Leitbilder für zukünftige Stadtentwicklung eingesetzt, so zum Beispiel auch in der Neuen Leipzig Charta. Dieser abstrakte Begriff bedarf auch im Kontext obsoleter Räume eine Konkretisierung und Operationalisierung.

Aus einer Reihe praktischer Fragen, die dieser stadtplanerischen Aufgabe innewohnen, haben wir drei „Dimensionen des Gemeinwohls“ entwickelt: Stadtökologie, Ko-Produktion und Verteilungsgerechtigkeit sowie Eigenart. Sie sind in einem sogenannten Gemeinwohlkompass zusammengefasst, der als Orientierungsrahmen und Diskussionsgrundlage dient. Das Ziel des Gemeinwohlkompass‘ ist es, dazu anzuregen, den Begriff des Gemeinwohls nicht nur als Leitbild zu postulieren, sondern Räume und Formate zu kreieren, die den beteiligten Akteur*innen eine gleichberechtigte Verhandlung und Auseinandersetzung sowie Verlautbarung ihres Gemeinsinnes ermöglichen.

Die Dimension der Stadtökologie umfasst im Kontext obsoleter Strukturen insbesondere:

  • den Ressourcenschutz bei Bau und Betrieb von Gebäuden, urbanen Infrastrukturen und im städtischen Alltag,
  • die Resilienz gegen zunehmende Extremwetterlagen und weitere Phänomene des Klimawandels im gesamtstädtischen und lokalen Maßstab (u.a. Hitze, Trockenheit, Starkregenereignisse),
  • die gerechtere Verteilung von Umweltressourcen und -belastungen.

Bei der Transformation obsoleter urbaner Strukturen stellt sich die Frage, wie diese systemisch in der Beziehung zu bestehenden Raumgefügen im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit weiterentwickelt werden können. Die Neuprogrammierungen sollen dabei langfristig, auf unterschiedlichen Maßstabsebenen der Stadt, zu gesunden Mikroklimata führen. Dies schließt die gezielte Schaffung neuer Grünräume mit ein.

Die Dimension der Ko-Produktion und Verteilungsgerechtigkeit bezieht sich auf die Entwicklung obsoleter Strukturen als Ergebnis eines Aushandlungs- und Gestaltungsprozesses multipler Akteur*innen. Qualitative und quantitative Bedarfe gilt es in ko-produktiver Art und Weise zu ermitteln und auszuhandeln sowie gemeinwohlorientierte Nutzungen langfristig zu sichern. Die einzelnen Konzeptions- und Planungsschritte sind gemeinsam mit lokalen Akteur*innen zu gestalten, um Verteilungsgerechtigkeit und Teilhabe einer breiten Stadtgesellschaft zu gewährleisten. Kommunen kommt dabei auch deshalb eine zentrale Rolle zu, weil sie sich durch eine aktive Bodenpolitik erst eine stärkere Handhabe über obsolet gewordene Räume sichern müssen.

Mit der Dimension der Eigenart sind lokale Praktiken sowie räumliche und soziale Strukturen (z.B. Baukultur, Gewerbeformen, Eigentumsformen, Nutzungen, kulturelle Errungenschaften etc.) gemeint. Diese sollten identifiziert und kritisch hinterfragt werden. Es muss beispielsweise diskutiert werden, in welcher Hinsicht lokale Eigenarten erhaltenswert sind, wie sie weiterentwickelt werden können oder ob sie aufgrund möglicher negativer Pfadabhängigkeiten transformiert werden sollten.

Ihrer Natur nach sind diese drei Dimensionen auch als Nachhaltigkeitsdimensionen zu verstehen, und so sind sie an die Dimensionen des „Normativen Kompass“ angelehnt, die der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2016 in seinem Gutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ formuliert hat.

Um die drei Dimensionen ­– Stadtökologie, Ko-Produktion & Verteilungsgerechtigkeit und Eigenart ­– zu operationalisieren, werden sie für jeden der vier Teilschritte der gemeinwohlorientierten Transformation obsoleter Strukturen betrachtet: Sichten (1), Verfügbar machen (2), Programmieren (3) und Gestalten (4).

12 Fragen wurden formuliert, um den Stand des Gemeinwohls eines urbanen Raumgefüges oder einer konkreten obsoleten Struktur zu analysieren und sich an deren mögliche Entwicklungsperspektiven anzunähern. Sie sind in einer „Matrix des Gemeinwohls“ zusammengefasst. Die Matrix ist als Tool zu verstehen, um Reflexions- und Diskussionsprozesse vor Ort in Gang zu setzen und zu lenken.

Im Querschnitt der einzelnen Felder werden folgende Fragen formuliert:

  • Welche bisherigen Nutzungen sollten erhalten werden? Welche Neuen sind denkbar? Inwiefern können Neuprogrammierungen bisherige Lücken in der lokalen Versorgung (mit öffentlichen Frei- und Grünräumen, Wohnflächen, Betreuungsplätzen, Gewerbeflächen etc.) schließen?
  • Welche Akteur*innen können und sollen involviert sein? Wann soll dies erfolgen?
  • Welche Formate für Kooperation und Ko-Produktion sind dabei denkbar? Wie können Entscheidungsfindungsprozesse gestaltet werden, damit eine Erhöhung der Lebensqualität und einer größeren Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet wird?

 

Die Matrix des Gemeinwohls bietet eine Diskussionsgrundlage für den Austausch mit Expert*innen und anderen Akteur*innen im weiteren Projektverlauf. In diesem Prozess wird sie weiter geschärft.

Matrix
Anamarija Batista, Nicolas Beucker, Anika Schmidt, Julia Siedle